FOCUS: Die Grünen argumentieren hoch moralisch. Ist das nicht, wenn man sich deren Zustimmungswerte anschaut, ein Erfolgsrezept?Wagenknecht: Ein
Klimaschutz, der zulasten der Mittelschicht und der Ärmeren geht, statt
sich mit den globalen Konzernen anzulegen, ist weder moralisch noch
wirkungsvoll. Außerdem führt dieser Ansatz, der schon beim
Erneuerbare-Energien-Gesetz verfolgt wurde, dazu, dass es für
Umweltpolitik weniger Rückhalt gibt.
FOCUS: Die Klimafrage scheint zurzeit allerdings alles andere zu verdrängen.
Wagenknecht: Ich finde, dass die Klimadebatte, wie die Grünen sie führen, völlig verkürzt ist.
FOCUS: Wieso?
Wagenknecht: Menschen,
die aufs Auto angewiesen sind, weil in ihrer Region kein Zug und kein
Bus mehr fährt, taugen nicht zum Feindbild. Nicht jeder kann sich eine Wohnung in
hippen Großstadtbezirken leisten, wo man gut mit dem Fahrrad zum Job
kommt. Und der klimaschädliche Ausstoß einer Durchschnittsfamilie, die
sich einmal im Jahr eine Flugreise leistet und öfter Fleisch isst, steht
in keinem Verhältnis zum klimazerstörenden Effekt der Globalisierung,
in deren Rahmen Konzerne ihre Produkte teilweise mehrfach über riesige
Distanzen verschiffen, um immer dort zu produzieren, wo die Löhne am
niedrigsten und die Standards am schlechtesten sind.
Ein
anderes Beispiel: Viele große Unternehmen konstruieren ihre Produkte
bewusst so, dass sie schnell wieder kaputtgehen, „quick and dirty“
bringt Rendite, und man kann schnell das nächste Modell in den Markt
drücken. Eine unglaubliche Verschwendung! Würden alle Gebrauchsgüter
doppelt so lange halten, würde ihre Produktion halb so viel
Treibhausgase erzeugen.
FOCUS: Ist
es nicht ein guter Ansatz, von jedem zu verlangen, dass er wegen des
Klimaschutzes aufpassen soll, was er kauft und was er isst?
Wagenknecht: Ja,
wer das kann, sollte es tun. Aber viele Leute können sich den Bioladen
nicht leisten. Deshalb ist es falsch, den Konsum in den Mittelpunkt zu
stellen und wie die Grünen Umweltpolitik zu einer Frage des Lifestyles
zu machen. Das ist ein elitärer Ansatz. Wenn jetzt etwa die CO2-Steuer
zur Hauptforderung in der Klimadebatte wird, dann geht das wieder
zulasten der Ärmeren und der Mitte, die schon heute einen immer größeren
Teil ihres Budgets für Strom und Benzin ausgeben müssen. Wann haben die
Grünen interveniert, als die Bahn auf Börsenfähigkeit getrimmt wurde?
Das hat dazu geführt, dass in ländlichen Gegenden viele Bahnstrecken
stillgelegt wurden. Dann auf die Leute herabzublicken, die in diesen
Regionen leben und ihr Auto brauchen, ist arrogant.
FOCUS: Das
klingt, als stünden Sie als Linke dem Diesel-Fahrer aus der Provinz
näher als dem progressiven Grafikdesigner in Prenzlauer Berg.
Wagenknecht: Links
heißt, nicht die Interessen der Eliten zu vertreten, sondern die der
abstiegsbedrohten Mitte und der Ärmeren. Eine Politik, die die Situation
dieser Menschen weiter verschlechtert, ist für mich nicht tragbar.