
In Berlin haben waghalsige
Jugendliche einen gefährlichen Trendsport etabliert: Beim sogenannten
“Fahrgasting” fahren sie mit der S-Bahn.
In der Hauptstadt suchen immer mehr Menschen einen Nervenkitzel, indem sie mit der S-Bahn fahren. Mit der “Fahrgasting”
genannten Mutprobe nehmen sie wissentlich große Gefahren in Kauf: “Du
weißt nie, ob der Zug nach der nächsten Kurve aus dem Gleis springt, ein
Baum auf den Waggon fällt oder eine kaputte Abteilheizung dein Blut zum
Kochen bringt”, sagt etwa Bomba* (16). Zum Ehrenkodex der Szene gehöre
es auch, keinerlei Proviant auf eine Fahrgasting-Tour mitzunehmen: “Um so größer ist dann der Thrill, wenn der Zug nach einem Kabelbrand tagelang auf offener Strecke steht.”
Wie bei jedem Trend verstärkt das Internet noch die
Risikobereitschaft. Auf Webseiten wie “extreme-fahrgasting.net” sind
erfolgreiche Umrundungen des S-Bahn-Rings in Wort und Bild festgehalten.
Zudem denken sich die “Fahrgaster” immer drastischere Varianten aus:
Etwa das hochriskante Umsteigen von einer Linie auf eine andere oder –
besonders idiotisch – der Verlass auf pünktliche Anschlusszüge. “Für die
zählt halt nur der Adrenalin-Kick”, weiß Aussteiger Rocco*, der im
letzten Winter bei einer zwöfstündigen Schleichfahrt zwischen zwei 900
Meter entfernten Stationen fast verdurstet wäre. Allerdings spiele beim
Fahrgasting oft auch Alkohol eine Rolle: “Die saufen sich jede Hemmung
weg, und dann steigen sie in eine S-Bahn, obwohl Wind oder Nieselregen
vorhergesagt sind”, so der 26-Jährige.
Einmal vom Fahrgasting angefixt, bleiben viele auch als
Erwachsene ihrem riskanten Hobby treu: “Seit Jahren baue ich jeden
Morgen eine S-Bahn-Tour in meinen Arbeitsweg ein”, gesteht etwa
Szeneveteran Albert Schlotz (48). Dabei will er schon “unzählige
Grenzerfahrungen” gemacht haben.
Die Verantwortlichen der S-Bahn sehen unterdessen kaum Möglichkeiten,
die Gefahrensucher an ihrem „Spiel“ zu hindern. “Dennoch werden wir
Vorkehrungen treffen”, heißt es aus der Firmenzentrale. Noch
unwirtlichere Bahnhöfe, Linienstreichungen und wochenlange Einstellung
des Zugverkehrs sollen die unerwünschten “Fahrgaster” in Schach halten.